Die Stunde der Patrioten

Aug 07, 2026

Frieden könnte zum Greifen nah sein – und ist doch so weit entfernt.

Im Nahen Osten ist sich Teheran seiner starken Verhandlungsposition sehr bewusst. Die Ukraine dagegen sieht sich immer tödlicheren Angriffen aus Russland ausgesetzt, und in beiden Fällen spielen die schwindenden Vorräte der USA an Patriot-Raketen eine Rolle. Derweil richtet sich Donald Trumps Interesse auf die Patriot Games anlässlich des 250-Jahr-Jubiläums der Vereinigten Staaten, sagt Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.

Hier sein aktueller Marktkommentar:

Neue Hoffnungen auf ein Friedensabkommen mit dem Iran wirkten letzte Woche sowohl bei Anleihen als auch Risikoanlagen unterstützend. So stieg der S&P-Index auf neue Rekordhochs, auch getragen von einer wieder einmal positiven Quartalsberichtssaison. Zudem schwanden die Sorgen um den Tech-Sektor etwas, nachdem es Mitte Juli einen Einbruch gegeben hatte.

Im Nahostkonflikt ist in den letzten Wochen deutlich geworden, dass die Bestände der USA an Patriot-Raketen stark geschrumpft sind. Die Golfstaaten sind dadurch einem wesentlich höheren Risiko durch Raketenangriffe ausgesetzt. Der Druck, ein Abkommen zu erreichen, ist so noch größer geworden, da diese Staaten um Frieden ringen und die USA nicht in der Lage sind, den Krieg durch den Einsatz von Bodentruppen „zu Ende zu bringen“. Teheran ist derzeit in einer relativ starken Position, um die Bedingungen zu diktieren. Aber die Gefahr besteht, dass das iranische Regime versucht, seine Karten zu überreizen – was den Abschluss einer Vereinbarung noch zum Scheitern bringen könnte.

Eine Option sieht offenbar vor, eine gemeinsame Verwaltung für die Straße von Hormus zwischen dem Iran, Oman und möglicherweise den USA einzuführen, die einen Anteil an den Einnahmen aus dem Schiffsverkehr erhalten soll. Die Verhandlungsführer betonen, dass eine solche Vereinbarung den bereits bestehenden Regelungen der Straße von Malakka in Südostasien ähnlich wäre.

Ein solches Modell würde eine erhebliche Schlappe/Niederlage für Donald Trump bedeuten. Trotzdem dürften sich viele US-Kommentatoren eher dafür interessieren, dass ein unpopulärer Krieg beendet wird – selbst wenn deutlich zu sehen ist, dass der Iran standhaft geblieben ist und aus dem Konflikt stärker hervorgeht als zu dem Zeitpunkt, als die „Operation Epic Fury“ vor knapp sechs Monaten gestartet wurde. Inzwischen stehen die US-Midterms vor der Tür, und da die Zustimmungswerte für den Präsidenten auf einem Rekordtief liegen, drängt nun die innenpolitische Agenda.

Es wäre also nicht überraschend, wenn die Rohölpreise sich letztlich wieder in Richtung ihrer jüngsten Tiefststände vom Juni bewegen würden. Die Anleiherenditen könnten sich durch einen solchen Impuls etwas erholen, jedenfalls sofern die wahrgenommenen Inflationsrisiken nachlassen und dies als Hilfe für die Zentralbanken angesehen wird, eine weitere geldpolitische Straffung zu vermeiden.

Aber die Lage im Nahen Osten dürfte auch in Zukunft äußerst instabil bleiben, ganz gleich, wie sich die Dinge entwickeln. Wir haben bereits erlebt, dass ein Friedensabkommen scheiterte, und das gleiche Schicksal könnte durchaus künftige Verhandlungen treffen und in erneute Feindseligkeiten münden. Teherans Erfolg, die Meerenge als Instrument für ihre Zwecke einzusetzen, wird das Regime sicher ermutigen, auf mehr zu drängen. Der Eindruck bleibt, dass sich beide Seiten nach wie vor auf Kollisionskurs befinden, auch wenn der Konflikt vorerst abklingen sollte.

Dazu kommt, dass auch die Houthis im Roten Meer Unruhe stiften und im Persischen Golf Minen geräumt werden müssen. Es kann also noch einige Zeit dauern, bis der Handel wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Aus unserer Sicht ist es daher unwahrscheinlich, dass die Rohölpreise unter 70 US-Dollar pro Barrel bleiben werden.

Gleichzeitigt dürfte sich das hohe Niveau der Crack-Spreads auf absehbare Zeit verfestigen. Die Märkte für Raffinerieprodukte sind aufgrund der ausgefallenen Raffinerieproduktion deutlich angespannter als der Rohölmarkt. Deshalb gehen wir davon aus, dass der Inflationsdruck länger anhält, als es der Markt derzeit erwartet, und präferieren weiterhin inflationsgebundene Anleihen und Derivate. Kurzfristig könnten sich die Kurse dennoch wieder positiv entwickeln, da Anleger in letzter Zeit immer wieder versucht haben, bei Kursrallyes einzusteigen – auch wenn sie letztendlich enttäuscht wurden.

Die nervöse Stimmung im US-Technologiesektor letzte Woche wurde durch eine Nachricht verstärkt: Der US-Hedgefonds Citadel übernahm einen großen Teil des KI-Portfolios vom Hedgefonds „Situational Awareness“. Dieser war nach einer Phase außergewöhnlich hoher gehebelter Renditen in Schwierigkeiten geraten. Die Auflösung dieser Hebel im Juli hatte Stop-Loss-Mechanismen ausgelöst. Aber nachdem die Positionen abgebaut waren, beruhigte sich der Markt wieder. In der Folge fand der Aktienmarkt seinen Boden, um anschließend als Reaktion auf die positiven Unternehmensergebnisse erneut zu steigen. Dabei wurden die ohnehin schon hohen Schätzungen noch übertroffen.

Die Spreads bei Unternehmensanleihen bewegten sich in der vergangenen Woche weiterhin seitwärts. Die Erholung im KI-Sektor trug dazu bei, das Umfeld für die Hyperscaler zu verbessern, nachdem sich der Druck über mehrere Wochen hinweg aufgebaut hatte.

Um den Kontext zu verdeutlichen: Im High-Yield-Bereich sank die Rendite einer Anleihe des Rechenzentrumsbetreibers Coreweave mit Fälligkeit 2031 auf 11,5 %, nachdem sie vor einer Woche noch 13,5 % überschritten hatte – ausgehend von einem Tiefstand von gerade einmal 9 % im Juni. Der anhaltende Angebotsdruck bleibt ein strukturelles Marktproblem. SpaceX ist das jüngste Beispiel für eine Aktie, die nach der Ankündigung von erhöhten Investitionsausgaben im KI-Bereich unter Druck geriet.

Bei Unternehmensanleihen bleiben wir kurzfristig vorsichtig. Wir weisen jedoch darauf hin, dass ausgewählte Emissionen derzeit auf mittelfristige Sicht auf attraktiven Niveaus gehandelt werden, wobei wir die Wahrscheinlichkeit einer Wertminderung als sehr gering einschätzen.

Ausblick

Am US-Arbeitsmarkt ist die Veröffentlichung neuer Daten noch wichtiger geworden, um die geldpolitischen Maßnahmen der Fed besser einordnen zu können. Fällt die Forward Guidance weg, werden die Märkte volatiler. Diese erhöhte Unsicherheit könnte im Laufe der Zeit dazu führen, dass Anleger eine höhere Prämie für langlaufende Anleihen verlangen. Abgesehen vom aktuellen Arbeitsmarktbericht könnte der US-Verbraucherpreisindex (CPI) in der nächsten Woche in dieser Hinsicht sogar noch entscheidender sein.

Generell deuten eine ganze Reihe von Indikatoren darauf hin, dass sich der US-Arbeitsmarkt insgesamt in guter Verfassung befindet. Das Problem liegt vielmehr in der Inflation. Durch den gesunkenen Verbraucherpreisindex für Juni hat sich der Druck auf die Fed verringert, vorzeitig die Zinsen anzuheben.

Falls sich die Daten bei der Veröffentlichung nächste Woche umkehren, wäre das von großer Bedeutung. Jedenfalls lässt sich mit Sicherheit sagen, dass eine US-Zinserhöhung im September zu 60 % eingepreist ist. Wir befinden uns also in einer fragilen Situation. Es ist durchaus denkbar, dass bereits ein oder zwei wichtige Datenpunkte entscheidend für die Fed sein könnten.

Abgesehen von den Auswirkungen auf den Nahen Osten haben die zur Neige gehenden Bestände an US-Patriot-Raketen auch erhebliche Auswirkungen auf den andauernden Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Da die Ukraine nun praktisch keine Abfangraketen mehr hat, sind russische Raketenangriffe tödlicher geworden. Wir könnten eine Dynamik erleben, in der beide Seiten eine weitere Eskalation der Angriffe als einzigen Weg zu einem letztendlichen Frieden betrachten.

In Europa könnte sich so das Gefühl der Dringlichkeit verstärken, militärisch aufzurüsten und die Ausgaben zu beschleunigen. Man muss allerdings feststellen, dass die nationale Bereitschaft für solche Ausgaben umgekehrt proportional zur Entfernung eines Landes von der russischen Grenze ist: Während die osteuropäischen Staaten versuchen, die Agenda voranzutreiben, sind die weiter entfernt gelegenen Länder wie Frankreich, Italien und Spanien weitaus mehr daran interessiert, staatliche Mittel für andere Prioritäten einzusetzen.

Dennoch sehen wir das Bestreben, bestehende Rüstungslücken zu schließen, nach wie vor als einen Faktor, der in Zeiten von Lieferengpässen die Kosten in die Höhe treiben könnte. Damit dürften die Verteidigungsausgaben sowohl den Staatshaushalt als auch die Gesamtwirtschaft belasten.

Trump aber wird wohl seinen Fokus eher auf die „Patriot Games“ lenken, die am kommenden Wochenende in Washington, D.C., stattfinden, als den Mangel an Patriot-Raketen und die Schwächen in den Verteidigungslieferketten, die das globale Geschehen prägen, zu thematisieren. Übrigens: Wenn es um „Patriot Games“ geht, ist der alte Harrison-Ford-Film mit dem gleichen Titel wahrscheinlich weitaus sehenswerter!!

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