Das Private-Credit-Universum wächst

Jul 01, 2026

Chris Martin, Institutional Portfoliomanager für Alternative Investments, blickt auf das Private-Credit-Universum abseits bekannter US-Direktkredite. Neben Liquidität und Transparenz sollten Investoren auch darauf achten, dass eine Anlage in ihr Portfolio passt.

Auf einen Blick:

  • Vor dem Hintergrund steigender wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheit suchen Investoren verstärkt nach Möglichkeiten, resiliente und diversifizierte Portfolios zu strukturieren, Liquidität zu steuern und neue Renditequellen zu erschließen. Private Credit rückt dabei in den Fokus.
  • Der Privat-Credit-Markt bietet jedoch mehr als nur US-Direktkredite – in vielen Portfolios eine gängige Kernallokation. Zum Anlageuniversum gehören auch Stressed und Distressed Credit, Immobilien, Verbriefungen, forderungsbesicherte Finanzierungen und Emerging Market Debt (EMD).
  • Außerdem beschränkt sich der Markt nicht nur auf die USA: European Credit und Emerging Market Debt (EMD) überzeugen durch ihre idiosynkratischen Dispersionsquellen, Markttiefe und Renditepotenzial.
  • „Knowing what you own“ ist für Investoren sogar noch wichtiger, wenn sie sich diesen weniger bekannten Segmenten der Private-Credit-Märkte zuwenden. Dazu müssen sie nicht nur das Portfolio kennen, sondern auch die Prozesse des Managers und die Risiken, die sie eingehen.
  • Mit neuen Anlageinstrumenten können Investoren zukünftig womöglich in weitere Segmente der Private-Credit-Märkte investieren. Doch für eine Anlageentscheidung sollten niemals Produktentwicklungen ausschlaggebend sein, sondern Portfoliokompatibilität, Liquiditätsdisziplin und Managertransparenz.


Anlagestrategien für eine unsichere Welt

In einem zunehmend unberechenbaren Marktumfeld erschweren Geopolitik, Wachstum, Inflation, Zentralbankpolitik, Marktentwicklung und weitere Faktoren die Positionierung. Investoren suchen zunehmend nach neuen Wegen, diversifizierte und resiliente Portfolios zu strukturieren, ihre Liquidität zu steuern und neue Renditequellen zu erschließen. Dabei geht es auch um die Frage, wie sie ihre Kernallokation in US-Direktkrediten ergänzen oder diese diversifizieren können.

Neue Informationen können zu geringfügigen Anpassungen führen, etwa als Reaktion auf eine neue Weltordnung oder auf kleinere Chancen und Risiken, ohne dass Investoren dabei langfristige Ziele aus dem Blick verlieren. Manchmal erfordern rasante Veränderungen derartige Anpassungen; in anderen Fällen können die Auslöser eher schleichende strukturelle Veränderungen sein, die nicht sofort auffallen, sich jedoch trotzdem langfristig auf das Renditepotenzial auswirken können.

Potenzial jenseits von US-Direktkrediten

Bei Private Credit denken viele sofort an US-Direktkredite, ein Grundbaustein in den Portfolios zahlreicher Prviate-Credit-Investoren. Tatsächlich ist der Markt jedoch deutlich größer und umfasst auch Stressed und Distressed Credit, Immobilen, verbriefte private Vermögenswerte, besicherte Finanzierungen sowie Emerging Market Debt (EMD).

Immer mehr Investoren nutzen diese Marktsegmente, um ihre Direct-Lending-Portfolios zu ergänzen oder zu diversifizieren. Zuletzt haben Business Development Companies (BDCs) mit Rücknahme-Stopps für Schlagzeilen gesorgt und damit Liquidität und Aktiv-Passiv-Steuerung stärker in den Fokus gerückt. Dennoch stellt sich Private-Credit-Investoren weiterhin die Frage, wo sie abseits von Direktkrediten noch investieren können.

Die Vielfalt an Anlagemöglichkeiten ist deshalb von Bedeutung, weil sich Private-Credit-Assets in ihren Portfolioeigenschaften voneinander unterscheiden können. Einige befinden sich noch in einem relativ frühen Entwicklungsstadium mit weniger Wettbewerbsdruck, sodass Manager mehr Einfluss auf die Ergebnisse haben. Andere bieten vielleicht idiosynkratisches Diversifizierungspotenzial über diverse Branchen, Regionen und Restrukturierungssituationen hinweg. Allen gemeinsam ist: Ein vollständiger Ersatz für Direktkredite sind sie vielleicht nicht, doch unter den richtigen Umständen können sie ein Portfolio sinnvoll ergänzen.

Potenzial in Europa und in den Schwellenländern

An den europäischen Private-Credit-Märkten mussten Investoren in den letzten Jahren mehrere Rückschläge hinnehmen, von der vergleichsweise schwachen Erholung nach der Pandemie bis zu steigenden Energiepreisen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Und im Zuge des Irankriegs sind die Energiepreise zuletzt erneut gestiegen. Als besonders gravierend haben sich diese Belastungen für mittelständische Unternehmen erwiesen, die in diesem und im kommenden Jahr jährlich Schulden in Höhe von fast 45 Milliarden Euro refinanzieren müssen – oft zu deutlich höheren Zinsen1.

Um sich an ein zunehmend schwieriges Geschäftsumfeld anzupassen, suchen diese Unternehmen nach kreativeren Finanzierung- und Refinanzierungslösungen. Für Investoren mit entsprechender Erfahrung bietet sich hier die Möglichkeit, Kapital dort einzusetzen, wo es tatsächlich gebraucht wird – und dafür eine entsprechende Rendite zu erhalten.

Attraktive Gelegenheiten finden Investoren auch in Schwellenländern. Mit einem Volumen von rund 30 Billionen US-Dollar ist dieser Markt in etwa so groß wie der Markt für US-Staatsanleihen – und bietet Investoren die Möglichkeit, in die Papiere staatlicher und privater Emittenten in diversen Währungen zu investieren. Diese Kombination aus Dispersion, Markttiefe und Renditepotenzial setzt jedoch voraus, dass sie die lokalen Märkte und die politischen Gegebenheiten der Schwellenländer einschätzen können.

Lateinamerika scheint relativ gut aufgestellt zu sein, illiquide Kredite könnten ähnlich deutlich wachsen wie die Direktkreditvergabe in den USA nach der Finanzkrise des Jahres 2008. Unsere Analyse zeigt, dass Banken in den Schwellenländern nach wie vor für 90% oder mehr der Kreditvergabe verantwortlich sind. Doch es gibt erste Anzeichen für eine Verlagerung des Kreditgeschäfts hin zu Asset Managern – und damit für eine Erweiterung des Anlageuniversums.

Die Bedeutung dessen, „zu wissen, was man besitzt“

Investoren sollten immer wissen, was sie besitzen – insbesondere dann, wenn sie in weniger bekannte Segmente der Private-Credit-Märkte investieren. Dies setzt eine enge Partnerschaft mit ihrem Fondsmanager und wechselseitige Kommunikation voraus, denn nur so können sie nicht nur das Portfolio selbst verstehen, sondern auch die Prozesse und Köpfe ihres Managers, welche Risiken sie eingehen und wie sie auf Veränderungen im Marktumfeld reagieren sollten.

Auch Liquidität spielt dabei eine große Rolle, wobei das Angebot am Private-Credit-Markt von Fonds mit täglicher Liquidität bis hin zu Drawdown-Fonds reicht. In manchen Fällen können Ertragsmerkmale die Duration des Kapitals beeinflussen, wie am Beispiel illiquider Kredite aus Schwellenländern sehr gut deutlich wird, die sich durch relative kurze Duration und vierteljährliche Kupons auszeichnen. In jedem Fall sollten Investoren darauf achten, dass die Liquidität der Basiswerte der Laufzeit bzw. der Struktur des Fonds so weit wie möglich entspricht. Passen die Liquiditätsprofile zueinander, kann Credit im Portfolioaufbau eher ein Vorteil als eine Belastung sein.

Ausblick: mehr Auswahl, doch ohne Disziplin geht es nicht

Seit 2022 sind die Leitzinsen gestiegen und die Risikoprämie privater Direktkredite gegenüber öffentlich gehandelten Krediten gesunken. Investoren ziehen daher auch andere Möglichkeiten in Betracht, wobei neben anderen Assetklassen auch Strukturen, Regionen, Sektoren, Branchen und Situationen in den Fokus rücken.

Die Instrumente entwickeln sich ebenfalls weiter, das Angebot reicht inzwischen von aktiv verwalteten Fixed-Income-ETFs bis hin zu Intervallfonds. Doch auch wenn diese Strukturen den Zugang zu den Private-Credit-Märkten erleichtern, sollte eine Anlagemöglichkeit nicht ausschlaggebend für eine Anlageentscheidung sein.

In ihrer Kombination eröffnen diese Entwicklungen Investoren unterschiedliche, aber komplementäre Strategien, die ein Portfolio diversifizieren können, ohne die Liquidität zu gefährden. Portfoliokompatibilität, Liquiditätsdisziplin und Managertransparenz sollten weiterhin an erster Stelle stehen, wenn sie abseits von US-Direktkrediten nach Anlagemöglichkeiten im Private-Credit-Universum suchen.


1 RBC GAM, Stand: 24. Februar 2026.

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