Schwellenländeranleihen: ein Puzzle mit vielen Teilen

Feb 06, 2026

Anthony Kettle, Senior Portfolio Manager EMD, blickt auf das neue Jahr, die wichtigsten Themen an den Anleihemärkten der Schwellenländer, die Auswirkungen der geopolitischen Fragmentierung und das Potenzial verschiedener Länder und Sektoren.

Auf einen Blick

  • Die aktuelle Lage an den Anleihemärkten der Schwellenländer (EM) scheint paradox: Einerseits sind die Risikoaufschläge einmalig knapp, andererseits sind die Stützen des Marktes – niedrige Ausfallraten, relativ hohe Gesamtrenditen und die anhaltende Carry-Nachfrage – weiterhin äußerst stabil.
  • Auch EM-Anleihen in Landeswährung erfreuen sich dank der attraktiven Kombination aus hohen Realzinsen, konservativer Geldpolitik und der günstigen Bewertungen vieler Währungen (vor allem dank steigender Rohstoffpreise) wachsender Beliebtheit und deutlicher Mittelzuflüsse.
  • Unsere drei wichtigsten Themen sind die orthodoxe Geldpolitik (die EM-Anleihen in Landeswährung deutlichen Auftrieb gibt), geopolitische Verschiebungen (darunter die neue US-Außenpolitik gegenüber Lateinamerika und der wirtschaftliche Aufstieg des Nahen Ostens) sowie die fundamentale Stärke der Schwellenländer (robustere Haushalte und Unternehmensbilanzen).


Grönland: der heiße Streit um das eisige Land

Aus zwei Gründen haben die Märkte im Vergleich zum „Tag der Befreiung“ im April zunächst bemerkenswert zurückhaltend auf den Grönlandkonflikt reagiert:

  • Trumps Zollankündigungen werden inzwischen eher als Verhandlungsbeginn denn als endgültige Entscheidung interpretiert, was die Gemüter abkühlt.
  • Die Grönlandfrage ist eindeutig eine europäische Frage und mit dem globalen Handelskrieg aus dem Vorjahr nicht zu vergleichen. Auch wenn der US-Dollar aufgrund der allgemeinen Marktpositionierung und der noch immer niedrigen Absicherungsquoten technisch anfällig ist, halten wir das Risiko einer massiven Verkaufswelle von amerikanischen Vermögenswerten für gering. Die Messlatte für einen Rückzug vom US-Markt bleibt hoch, auch wegen der wirtschaftlichen Stärke des Landes.

Die Auswirkungen auf die geopolitische Lage sind gleichwohl erheblich: Die Spannungen werden Europa wohl veranlassen, mehr für seine Verteidigung auszugeben, sich unabhängiger von US-Technologie zu machen und seine Handelsbeziehungen mit China auszubauen. Zudem gibt die Grönland-Episode dem Narrativ um eine Abwertung des Greenback neue Nahrung, was sich auch an den steigenden Goldkäufen und den anhaltenden Schwächeanfällen der US-Währung zeigt. Für die Anleihemärkte der Schwellenländer und insbesondere Anleihen in Landeswährung entsteht so eine günstige Ausgangslage, gleichzeitig erleichtert ein schwacher US-Dollar die Onshore-Finanzierung in den Schwellenländern.

Hohes Wachstum, sinkende Inflation, günstige politische Rahmenbedingungen

Die Inflation ist im abgelaufenen Jahr um rund einen Prozentpunkt zurückgegangen und dürfte sich 2026 in der Nähe der Zielmarken der EM-Zentralbanken einpendeln. Zwar ist die Kerninflation in einigen Ländern nach wie vor hoch, doch der Disinflationstrend ist eindeutig und positiv. Vor diesem Hintergrund sind weitere, wenn auch moderatere Zinssenkungen in der ersten Hälfte des Jahres 2026 denkbar – insbesondere in Ländern mit hohen Effektivzinsen, in denen die wirtschaftlichen Voraussetzungen gegeben sind.

Das Wachstum der Schwellenländer ohne China dürfte 2026 dem langfristigen Trend entsprechen, in China erwarten wir dagegen einen Wachstumsrückgang von 4,9 auf rund 4,5%. Vor allem der asiatische Technologiezyklus sollte die Konjunktur stützen, in China sind im Falle einer Abkühlung staatliche Konjunkturimpulse wahrscheinlich. Für die EMEA-Schwellenländer bleiben die Aussichten dank expansiver Geldpolitik und staatlicher Unterstützung ebenfalls günstig.

Die Kombination aus sinkender Inflation, expansiver Geldpolitik und stabilem Wachstum macht Carry zum dominierenden Renditetreiber, weshalb wir von anhaltend hoher Nachfrage nach Anleihen in Hart- und Landeswährung ausgehen. Obwohl die aktuellen Bewertungen wenig Spielraum für sinkende Risikoaufschläge lassen, erwarten wir daher nur eine relativ geringe Spread-Volatilität.

Auf den US-Dollar kommt es an

Wir erwarten eine weitere Abwertung der US-Währung. Dafür sprechen neben den hohen Dollar-Bewertungen auch die massive globale Übergewichtung von US-Vermögenswerten, das langsame Ende des US-Exzeptionalismus im Zuge der Wachstumsnormalisierung und die sinkenden US-Zinsen, die den Dollar als Carry-Quelle weniger interessant machen. Diese strukturellen Faktoren dürften die Anleihemärkte der Schwellenländer über mehrere Quartale hinweg stützen.

Wir gehen von einer geringfügigen Abwertung des US-Dollars aus, was für weitere Mittelzuflüsse in Schwellenländer spräche. Diese Dynamik ließ sich in der Vergangenheit mehrfach beobachten, denn ein schwächerer Dollar macht Vermögenswerte aus Schwellenländern vergleichsweise attraktiv. Wir gehen jedoch nicht unbedingt von einer rasanten Entwicklung aus, zumal der US-Dollar in den letzten Wochen bereits deutlich abgewertet hat. Allerdings sind weitere Übertreibungen möglich. Taktische Flexibilität wäre in diesem Fall aggressiven Richtungsentscheidungen vorzuziehen.

Eine gute Ausgangslage für lokale Märkte

Die größte strukturelle Veränderung für Anleiheinvestoren besteht in der deutlich höheren Marktfähigkeit und Liquidität von Schwellenländeranleihen in Landeswährung (die inzwischen 90% der EM-Emissionsvolumen ausmachen) in Verbindung mit der Liberalisierung der Devisenmärkte und der wachsenden Präsenz von Privatanlegern am Markt. Die Realzinsdifferenz zwischen Industrie- und Schwellenländern hat inzwischen den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht, was Anleihen in Landeswährung besonders attraktiv macht; in Brasilien, Mexiko und in der Dominikanischen Republik könnten die Zinsen deutlich sinken.

Besonders günstig ist der Ausblick für Anleihen in Landeswährung. Bei einem schwächeren US-Dollar sind EM-Anleihen eine überzeugende Carry-Quelle, gleichzeitig können Investoren im Idealfall deutliche Gewinne aus Wechselkursschwankungen abschöpfen. Diese Konstellation verdoppelt das Renditepotenzial. Und in Anbetracht der Bewertungen in den USA und der geopolitischen Lage gewinnt die Diversifizierung ihres Dollar-Exposure für Anleger zunehmend an Bedeutung. Die attraktiven Realzinsen und die Wechselkursentwicklung sind der Grund, warum wir in diesem Jahr Mehrrenditen von Schwellenländeranleihen in Landeswährung erwarten.

Geopolitische Verschiebungen

Die Trump-Administration handelt zunehmend opportunistisch und verschiebt mit Zöllen, Sanktionen und ideologischen Allianzen die geopolitische Balance – mit drastischen Folgen für die Finanzmärkte der Schwellenländer. Trump unterstützt ideologisch gleichgesinnte Führer (wie Argentiniens Milei), bestraft diejenigen, die US-Interessen zuwiderhandeln (wie Venezuelas Maduro) und schafft mit seinen Eingriffen asymmetrische Anlagechancen.

Auch in dem Aufstieg des Nahen Ostens zu einer wirtschaftlichen Supermacht (mit deutlich höherer Indexgewichtung als noch vor wenigen Jahren) sehen wir einen bedeutenden EM-Trend und erwarten, dass eine Diversifizierung der Öleinnahmen die Haushalte der arabischen Länder in den kommenden Jahren resilienter macht. Die Entkopplung von China und der Wettbewerb um Rohstoffe zwischen China und den USA verbessern die Handelsbedingungen für Rohstoffexporteure, wohingegen das verarbeitende Gewerbe durch Technologiezölle belastet werden könnte.

Letztlich wird sich die Haushaltskonsolidierung zum entscheidenden Faktor für die relative Performance entwickeln: Länder mit glaubwürdigen Haushaltsreformen dürften sich besser entwickeln als Länder, in denen die Ungleichgewichte zunehmen. Reformorientierte lateinamerikanische Volkswirtschaften dürften daher ebenso zu den strukturellen Gewinnern gehören wie energiereiche Länder mit solideren Haushalten und einzelne asiatische Exporteure, die von Künstlicher Intelligenz profitieren; auf der Verliererseite werden voraussichtlich Niedrigzinsländer mit prekärer Haushaltslage stehen, außerdem China-abhängige Produzenten, die durch Zölle unter Druck kommen, und Länder, die der geopolitischen Strategie der USA im Weg stehen.

Aktuelle Anlagemöglichkeiten

Potenzial sehen wir weiterhin in Ländern mit höheren Effektivzinsen. 

In Lateinamerika halten wir unter anderem in Argentinien und Ecuador sinkende Risikoaufschläge für möglich, attraktive Renditen sehen wir auch in einigen der stabileren afrikanischen Länder südlich der Sahara, zum Beispiel in Nigeria. Im Distressed-Debt-Bereich richten sich alle Augen auf Venezuela und den Libanon.

Auf Sektorebene sind Metalle & Bergbau, Verkehr (High-Yield) und Finanzen aufgrund der günstigen Konjunkturentwicklung besonders gefragt, Technologieexporteure wie Taiwan, Malaysia und Singapur profitieren vom Investitionszyklus Künstlicher Intelligenz.

Im Local-Market-Segment überzeugen High-Yield-Emittenten wie Brasilien mit guten Fundamentaldaten.

Sorgfältige Auswahl bleibt entscheidend

Um Alpha zu erzielen, müssen Anleger Staaten mit besseren Fundamentaldaten und Reformkatalysatoren identifizieren, außerdem Anleihen, die für ein Rating-Upgrade infrage kommen. Wie bevorzugen weiterhin solidere Hochzinsanleihen gegenüber stark nachgefragten Investment-Grade-Titeln.

Zwar könnten die Ausfallraten am Markt für Unternehmensanleihen in diesem Jahr leicht ansteigen, doch dürften sich die Ausfälle überwiegend auf eine kleine Anzahl großer, bereits angeschlagener Emittenten beschränken. Insgesamt dürften die Fundamentaldaten robust bleiben. Am Staatsanleihemarkt erwarten wir in diesem Jahr dagegen unterdurchschnittliche Ausfallraten.

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