Steuersorgen – im Großen wie im Kleinen

Sep 05, 2025

Das veränderte Anlageverhalten von Pensionsfonds beeinflusst die Nachfrage nach Anleihen unterschiedlicher Laufzeiten, in den USA ebenso wie in Europa. In Großbritannien beherrschen währenddessen Steuern die Diskussion, sowohl im Großen – Haushaltssanierung durch Steuererhöhungen? – wie im Kleinen – hat die stellvertretende Premierministerin Steuern hinterzogen? – beobachtet Mark Dowding, Fixed Income CIO bei RBC BlueBay Asset Management.

Hier sein aktueller Marktkommentar:

Die Renditen für US-Staatsanleihen sind in der vergangenen Woche weiter gesunken, nach anhaltend schwachen Arbeitsmarktdaten. Heute werden die Arbeitsmarktzahlen ohne Landwirtschaft veröffentlicht. Ist hier eine Überraschung zu erwarten? Falls nicht, wird die Fed die Zinsen diesen Monat wohl um 25 Basispunkte senken und im vierten Quartal einen ähnlichen Schritt gehen – so die allgemeine Erwartung.

Dabei haben Anleger auch den Verbraucherpreisindex CPI im Blick, der nächste Woche veröffentlicht wird. Bleibt die Inflation moderat, dürften die Stimmen aus dem Weißen Haus, die eine deutliche lockerere Geldpolitik fordern, immer lauter werden. Hartnäckige Inflationsdaten könnten allerdings die Befürchtungen nähren, dass eine Lockerung der Geldpolitik bis 2026 unter einem von Trump ernannten Fed-Vorsitzenden auf mittlere Sicht die Preisstabilität gefährden könnte.

Auf globaler Ebene hat sich der steile Anstieg der Anleiherenditen Anfang dieser Woche fortgesetzt. Vor allem für lange Laufzeiten lassen sich Investoren immer weniger begeistern.

Dabei geht es auch um strukturelle Veränderungen: Zu einem großen Teil wurden langlaufende Anleihen bislang von Pensionsfonds gekauft, um so die Laufzeit ihrer Vermögenswerte an ihre langfristigen Verbindlichkeiten anzupassen. Leistungsorientierte Pensionspläne mit festen Rentenzusagen sind inzwischen jedoch meist eingestellt worden, und die verbleibenden sind bereits an die Laufzeiten angepasst. Das bedeutet, dass die Nachfrage nach langlaufenden Anleihen strukturell geringer geworden ist. Zudem haben Investoren in der beitragsorientierten betrieblichen Altersvorsorge deutlich weniger Bedarf an einem LDI-Anlagekonzept, das die Laufzeiten der Investitionen aufeinander abstimmt.

Offenbar haben sich die Emittenten noch nicht vollständig auf die geschrumpfte Nachfrage eingestellt und begeben immer noch mehr langlaufende Anleihen, als der Markt benötigt. Dieser negative technische Faktor hat die Renditen langfristiger Anleihen belastet und ist einer der Gründe dafür, dass die Kurven weiterhin steiler werden.

Die Renditen in der Eurozone entwickelten sich in der vergangenen Woche ähnlich wie an anderen globalen Märkten. 30-jährige Bundesanleihen erreichten mit 3,4 % den höchsten Stand in 14 Jahren – und das, obwohl die Verschuldung Deutschlands bisher nur moderat zu steigen scheint.

Durch Änderungen im niederländischen Rentensystem ist einer der größten Käufer aus dem Segment der langen Laufzeiten verschwunden. Dennoch fällt auf, dass die Anleihekurve zum Vergleich der Laufzeiten über zwei und dreißig Jahre für Bundesanleihen steiler ist als die der US-Staatsanleihen. Das ist erstaunlich, denn um die Unabhängigkeit der EZB oder eine mittelfristig hohe Inflation in der EU muss sich derzeit niemand Sorgen machen.

In Großbritannien lässt eine zögerliche Politik Gilts weiterhin hinter den Erwartungen zurückbleiben. Steuererhöhungen allein werden den Haushalt nicht sanieren können – die Regierung muss vermitteln, dass sie das verstanden hat. Um das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen, müssen Premier Keir Starmer und Schatzkanzlerin Rachel Reeves zeigen, dass sie das Thema Sozialausgaben in Angriff nehmen können.

Politisch könnte der Zeitpunkt günstig sein: Die stellvertretende Premierministerin (und Starmers potenzielle Rivalin) Angela Rayner ist derzeit durch einen Skandal um zu niedrige Steuerzahlungen für ihr drittes Haus geschwächt, und virale KI-TikTok-Videos, in denen die stellvertretende Premierministerin im „Gangsta-Stil” auftritt und mit ihren Geldbündeln protzt, machen die Lage nicht besser.

Ausblick

In den letzten Monaten wurden die US-Märkte von der Vorstellung beflügelt, dass Trumps Politik funktioniert. Die „Big Beautiful Bill” wurde verabschiedet, Zölle wurden ohne negative Reaktionen eingeführt und die Finanzmärkte konnten sich infolgedessen relativ gut entwickeln.

Falls diese Einschätzung weiterhin Bestand hat, können die Märkte gegebenenfalls noch weiter steigen – doch es stehen viele Fragezeichen im Raum: Wird es Trump gelingen, Zinssenkungen durchzusetzen, ohne das Vertrauen der Märkte in die Unabhängigkeit der Fed aufs Spiel zu setzen? Werden die Zolleinnahmen weiter fließen und können die USA einen Konflikt mit China vermeiden, der die Beziehungen zwischen beiden Ländern erheblich verschlechtern würde? Werden Beschäftigungs- und Inflationsdaten positiv bleiben? Werden fiskalische und monetäre Lockerung sowie Deregulierung einen optimistischen Wachstumsausblick für 2026 ermöglichen

Die Hoffnung auf schnelle, eindeutige Antworten wäre allerdings naiv: 2025 war bislang voller Überraschungen – kaum vorstellbar, dass zukünftig keine mehr kommen sollten.

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